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Demografischer Wandel - Informationsveranstaltung des KAV Berlin

- Claudia Pfeiffer, KAV-Geschäftsführerin
Am 09.10.2008 lud der KAV Berlin seine Mitglieder zu einer Informationsveranstaltung ein, deren Thema alle KAV Mitglieder betrifft: „Demografischer Wandel – Auswirkungen auf kommunale Arbeitgeber".
Der demografische Wandel steht erst am Anfang, doch bereits heute zeichnen sich die damit verbundenen großen Herausforderungen für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ab. Auch kommunale Unternehmen und Einrichtungen werden künftig ihre Aufgaben mit immer älter werdenden Belegschaften bewältigen müssen.
Aus diesem Grund setzte es sich der KAV Berlin zum Ziel, seine Mitglieder mit Experten aus Wissenschaft, Management, Politik und Praxis zusammenzuführen, um sich gemeinsam zu informieren und auch zu diskutieren, wie sich öffentliche Unternehmen und Einrichtungen möglichst frühzeitig auf den demografischen Wandel einstellen können.
Die Referenten informierten die Teilnehmer über das Thema aus ihren spezifischen Blickwinkeln heraus und boten den Teilnehmern zudem Handlungs- und Lösungsvorschläge, wie öffentliche Arbeitgeber frühzeitig mit der Herausforderung von immer älter werdenden Arbeitnehmern umgehen können.
Alle Referenten wiesen darauf hin, dass Unternehmen und Einrichtungen aller Branchen und Größen gut daran täten möglichst bald, die Weichen für die eigene Demografiefestigkeit zu stellen.

- Prof. Dr. Peter Eckstein, FHTW
Von der Wissenschaft zur Praxis
Nachdem Frau Pfeiffer die Teilnehmer begrüßte und in das Thema einführte, stellte sie die Referenten vor: Prof. Dr. Peter Eckstein von unserem Mitglied Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), Elke Holzrichter von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) und Andreas Scholz-Fleischmann, Personalvorstand der BSR.
Im Anschluss gab Andreas Horst, Referatsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) eine kurze Vorstellung des Standpunktes des Ministeriums und stand dann wie die anderen Referenten für eine Diskussionsrunde zur Verfügung, die die KAV-Geschäftsführerin Claudia Pfeiffer moderierte.
Germanias Albträume
Das Referat von Prof. Dr. Peter Eckstein (FHTW Berlin) trug den bedeutungsvollen Titel „Germanias Albträume" und tatsächlich zeichnete Herr Eckstein ein düsteres Bild der deutschen Bevölkerungsentwicklung. In seinem rhethorisch brillanten Vortrag machte Eckstein deutlich, dass die immer geringeren Geburtenzahlen einen äußerst negativen Einfluss auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit (Stichwort: Fachkräftemangel) und die Sozialsysteme (Stichwort Generationenvertrag) haben.
Von der Beschreibung des Status Quo ging Prof. Eckstein zu verschiedenen Simulationsmodellen über und kam so zu Szenarien, die ein eher albtraumhaftes Bild der zukünftigen deutschen Gesellschaft zeichneten. Um die Stimmung der konzentriert lauschenden Zuhörer nicht allzu sehr zu trüben, stellte er den „Albträumen" „Wunschträume" gegenüber. Allerdings nicht ohne zu betonen, dass diese eher unwahrscheinlich seien (Stichwort: Babywunder) – „Wunschträume" eben.
Zu guter Letzt sah Eckstein auch die Politik in der Pflicht, sich den demografischen Herausforderungen zu stellen. So müssten die sozialen Sicherungssysteme der Bevölkerungsentwicklung angepasst werden, eine kluge Einwanderungspolitik und eine kinderfreundliche Familienpolitik betrieben, die Lebensarbeitszeit verlängert, der Arbeitsmarkt flexibilisiert und das Engagement für Bildung intensiviert werden.

- Elke Holzrichter, KGSt
Auswirkungen auf das operative Management
Nach diesem Einstieg in die allgemeine Problematik des demografischen Wandels referierte Elke Holzrichter von der KGSt, Leiterin des Programmbereichs Personalmanagements über die Auswirkungen des demografischen Wandels auf das Organisations- und Personalmanagement. Die KGSt ist das von Städten, Gemeinden und Kreisen gemeinsam getragene Entwicklungszentrum des kommunalen Managements
In den Fokus stellte Frau Holzrichter die grundsätzliche Fragestellung, was das Personal- und Organisationsmanagement der öffentlichen Verwaltungen und Betriebe angesichts der Bevölkerungsentwicklung tun könne. Frau Holzrichter empfahl öffentlichen Unternehmen und Einrichtungen einen gezielten Aktionsplan, der in sieben Schritten zur Bewältigung des demografischen Wandels führen könne.
In einem ersten Schritt empfahl Frau Holzrichter den öffentlichen Arbeitgebern, eine Altersstrukturanalyse durchzuführen, die die Erfassung des Ist-Zustandes und eine Prognose für die Zukunft beinhalten solle. Anschließend müsse der Kontext zu den übergeordneten Zielen der Organisation deutlich werden. D.h. hier soll untersucht werden, ob es bspw. möglich sei, dass sich das vom eigenen Betrieb gebotene Leistungsspektrum aufgrund der demografischen Entwicklung verändert.
Aus der Beantwortung sollten Prämissen und strategische Ziele abgeleitet werden. In einem nächsten Schritt müssten nun folgende Fragen gestellt werden: „Wie müssen wir unser Leistungsspektrum verändern, um den aufgrund der demografischen Entwicklung veränderten Bürgerbedürfnissen gerecht zu werden?" Und „Welche Auswirkungen hat das auf den Umfang, die Zusammensetzung und die Qualifikationsanforderungen der Mitarbeiter in der Organisation?"
Anschließend, so empfahl Frau Holzrichter, sollten besonders betroffene Handlungsfelder im Personal- und Organisationsmanagement identifiziert werden, wie z.B. die Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements. Zu guter Letzt müssten dann diese analysierten Handlungsfelder „nur" noch bearbeitet werden. Frau Holzrichter wies außerdem drauf hin, dass es von immenser Bedeutung sei, die Bewältigung der demografischen Veränderung als eine Daueraufgabe zu betrachten.

- Andreas Scholz-Fleischmann, BSR
Praxis bei der BSR
Nach einem Mittagsimbiss, bei dem sich die Teilnehmer über ihr neues Wissen austauschen und mit den Referenten ins Gespräch kommen konnten, gab der Personalvorstand der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) Andreas Scholz-Fleischmann einen Praxisbericht zu den Erfahrungen der BSR.
Die BSR setzen sich bereits seit einigen Jahren mit der Thematik auseinander, da sie vom demografischen Wandel besonders betroffen sind. Von ihren 5.300 Mitarbeitern sind rund 4.000 Mitarbeiter täglich bei Wind und Wetter damit beschäftigt, den Abfall zu beseitigen oder die Straßen zu reinigen. Zudem ist die Belegschaft der BSR schon heute im Schnitt über 50 Jahre alt.
Herr Scholz-Fleischmann betonte, dass siUnternehmen nicht allein auf Korrekturen des heutigen Systems vertrauen dürften, sondern eigene Lösungswege erarbeiten müssten. Zudem seien späte Reaktionen - in 5 Jahren oder später - teurer als heute beginnende, vorausschauende Aktionen.
Herr Scholz-Fleischmann bekräftigte auch seine Überzeugung, dass das Demografie-Problem nicht allein durch betriebliche Maßnahmen gelöst werden könne. Altersgerechte Arbeitsbedingungen müssten stattdessen durch Gesetze und Tarifverträge unterstützt werden. Altersteilzeitgesetz und Tarifverträge müssten entsprechend angepasst werden, forderte der BSR-Personalvorstand. Die Tarifpartner müssten die demografische Situation bei künftigen Tarifverhandlungen berücksichtigen.
Ideen zur betrieblichen Lösung könnten die Einführung von Lebensarbeitszeitkonten und die Ausweitung der privaten Altersvorsorge sein.
Letztendlich wird es, so Scholz-Fleischmann, eine Vielzahl von Einzellösungen geben müssen, da sich das Phänom Demografischer Wandel in jedem Betrieb anders auswirkt. Dadurch resultierten in verschiedenen Betrieben unterschiedliche bzw. Herausforderungen Probleme.

- Andreas Horst, BMAS
Standpunkt der Politik
Anschließend betonte Andreas Horst vom BMAS, dass die Regierung keine Aufweichung der Rente mit 67 plane, auch wenn ihr die Forderung nach einer Regelung nach Berufgruppen bekannt sei. Horst berichtet dagegen von einer Studie, die herausfand, wie wichtig die Arbeit für das Wohlbefinden der Menschen sei.
Horst berichtete, dass das BMAS Demografieberater ausbilde, die vor allem kleine und mittlere Betriebe beraten. Zudem gebe es bereits eine Menge guter Lösungen und präventiver Maßnahmen, an denen die Politik arbeite, fand Horst abschließend.

- Diskussionsrunde
Diskussion
Nach den einzelnen Referaten standen den Teilnehmern alle Referenten zur Beantwortung von Fragen zur Verfügung.
Viele Mitglieder nutzten diese Gelegenheit, um auf die Situation in ihren Betrieben aufmerksam zu machen oder ihren grundsätzlichen Standpunkt darzulegen.
Norbert Schmidt von den Wasserbetrieben erklärte beispielsweise, dass er eine Lösung auf kommunaler Ebene und nicht im einzelnen Betrieb sehe. So zum Beispiel könnten die Wasserbetriebe oder die BSR nicht alle ihrer nicht mehr voll einsetzbaren älteren Mitarbeiter als Pförtner einsetzen. Hier müsse man überlegen, ob man diese nicht viel besser in karitativen oder sozialen Einrichtungen der Stadt einsetzen könne. Damit hätten die Betroffenen eine sinnvolle Beschäftigung und sie könnten darüber hinaus etwas für das Wohl der Allgemeinheit tun.
Fazit aller Teilnehmer war es, dass Maßnahmen für die Bewältigung des demografischen Wandels zwar teuer seien, aber das Nichtstun noch viel teurer würde. Auch von den Arbeitnehmern wurde mehr gesamtgesellschaftliche Verantwortung gefordert.
Als Frau Pfeiffer um 14.30 Uhr die Veranstaltung beendete, konnten die Teilnehmer viele Informationen und Anregungen für den Umgang mit der demografischen Herausforderung in ihre Unternehmen und Einrichtungen nehmen.
Der KAV Berlin dankt allen Referenten und Mitgliedern für ihre Teilnahme. Darüber hinaus möchten wir uns ganz herzlich bei der BSR bedanken, die uns für diese Veranstaltung Räumlichkeiten zur Verfügung stellten.